16. Januar 2009 - 3. Mai 2009
Museum für Gegenwartskunst

How Do You Love Dzzzzt by Mammy?
Enrico David

Kuratorin: Nikola Dietrich

In den Skulpturen, Gouachen, Stickereien, Fotografien und Installationen von Enrico David (*1966 in Ancona, lebt und arbeitet in London) findet sich ein breites Spektrum an kulturellen Referenzen und Bezugssystemen. Es umfasst unter anderem Arte Povera, Assemblage, Bühnenbilder und Designmotive aus den 1920er- und 30er-Jahren, so wie zahlreiche literarische Quellen und Elemente aus der Tradition des Handwerks. Die Arbeiten sind gekennzeichnet von rätselhaften Darstellungen des Körpers, die verzerrt oder in Fragmente zerlegt, Ausdruck der Unmöglichkeit einer körperlichen Einheit sind. Verschiedene Elemente fügen sich zu einem Rest zusammen, einem Kopf, Gliedmaß oder einer unbestimmbaren Schwulst.
Die aktuelle Ausstellung kreist nun um wenige Elemente, an deren Anfang- und Endpunkt zwei Fotografien stehen, die, als zwei Hälften betrachtet, sich nur schwer zusammenbringen lassen. Die eine zeigt zwei kleine, mit einem Klavier beschäftigte Jungen. Der Gesichtsausdruck des einen wirkt missmutig, seine Geste aufgezwungen. Es handelt sich um den Künstler selbst, der im Alter von drei Jahren für Werbeaufnahmen von Spielzeuginstrumenten Model stand. Die zweite Fotografie, die das seltsam anbiedernde Porträt eines Mannes zeigt, steht in hartem Kontrast zu den lieblichen Kinderaufnahmen. Die fratzenhafte Zurschaustellung von Männlichkeit, mit der eindeutigen Funktion der Verführung, wiederholt sich mit leicht veränderten Gesichtszügen in einer weiteren Fotografie. Sie stammen aus einem Versandkatalog für Sexartikel und stehen für einen bestimmten, künstlich überzeichneten Rollentyp, der nahezu beliebig austauschbar ist.
Diese beiden Abbilder liefern den Überzug für zwei übermannshohe Wippfiguren aus Holz, Draht und Papier, deren Gestalt einem Spielzeugentwurf von Koloman Moser für die Wiener Werkstätte aus den 1910er-Jahren entlehnt ist. Die knolligen Eiergebilde – Rumpf, Kopf und Arme darin zu einer Form vereint – stehen auf zwei eingeknickten dünnen Holzbeinen und Kufen. Sie bilden das Zentrum der Ausstellung, umgeben von frei im Raum stehenden Stellwänden, auf denen die Gesichter des Mannes wiederholt als großformatig aufgezogene Bilder auftauchen; ebenso sämtliche Motive der ausstellungsbegleitenden Publikation, so dass die Seiten des Buches parallel zur dreidimensionalen Installation im Raum zu lesen sind.
Der unbestimmbare Ausstellungstitel How Do You Love Dzzzzt by Mammy? deutet auf das Unaussprechliche hin, auf eine Unklarheit und Unsicherheit, der man zeit seines Lebens begegnet. Wenn Enrico David nach der Bedeutung des Titels gefragt wird, lautet seine Antwort, dass gerade die Frage nach der Bedeutung bereits das ist, was er aussagt. „Stück um Stück, beraubt Dich das Leben der Gewissheit. Es wird nie einen festgelegten Weg geben.“ (E. David)

Eine zweite Installation präsentiert sich in der Art eines Dioramas, einer Schaubühne, die den Effekt des Trompe-l’oeil ausnützt. Wir werden Zuschauer einer Szene, die auf der surrealistischen Foto-Collage vielle femme et enfant (um 1935) von Dora Maar beruht. Das ursprüngliche Bild zeigt einen getäfelten Raum, der Fußboden von Schlamm bedeckt, und einen Jungen, der sich an einer Frau reibt. David baut diesen Raum in seinen Grundzügen nach, verschränkt diesen jedoch mit sehr persönlichen Materialien, die seinem Schlafzimmer nach-empfunden sind, das sein Vater für ihn in den 1970er-Jahren entwarf. Die Figuren im Hinter-grund sind ausgetauscht mit Abbildungen von einer Holzpuppe und dem Künstler selbst.
Enrico David ist in den späten 1980er Jahren nach London gezogen, wo er an der St. Martin’s School of Art studierte. Im letzten Jahr wurde im ICA London eine umfassende Einzelausstellung präsentiert.

Zur Ausstellung How Do You Love Dzzzzt by Mammy? erscheint eine Museumsbroschüre mit Texten von Manfred Hermes und Darian Leader (Deutsch / Englisch).

Sponsor: Fonds für künstlerische Aktivitäten im Museum für Gegenwartskunst der Emanuel Hoffmann-Stiftung und der Christoph Merian Stiftung

Museum für Gegenwartskunst Kunstmuseum Basel